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Fraro

Tuscher

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Freitag, 13. Mai 2016, 00:07

Making of und FAQ

Das hier hatte ich eigentlich bei Facebook geschrieben, aber da hier auch die eine oder andere Frage kam, spreize ich mal mein virtuelles Gefieder:


In letzter Zeit bekomme ich immer wieder Anfragen, wie so ein Gordon-Cartoon eigentlich entsteht. Ich hatte mal ein Video gemacht, das aber inzwischen ziemlich veraltet ist, weil ich andere Techniken und Materialien einsetze.

Hier eine kleine Bildersammlung zum aktuellen Gordon-Cartoon, der das vielleicht etwas verdeutlicht.

Der erste Schritt auf dem Weg zum Gordon ist immer eine Bleistiftzeichnung, die Rohskizze. Dabei benutze ich wenn nötig auch Lineal, Zirkel und eine selbstgebastelte Perspektivschablone. Die Zeichnung enthält Hilfslinien und Krücken, wird 100 x radiert und verbessert.

Zuerst zeichne ich auf einen Bogen Zeichenkarton im Format DIN A4 einen Rahmen der Größe DIN A5. Damit vermeide ich, daß mir bei der Entwicklung der Zeichnung irgendwann "das Blatt ausgeht", daß also am Rand kein Platz mehr ist.

Ich überlege, wie die Zeichnung grob aufgeteilt werden soll, dann schreibe ich den Text (der in der Endfassung aber noch abweichen kann) und zeichne die Sprechblasen ein. Ich hatte früher das Problem, daß ich die Sprechblasen irgendwo hinquetschen mußte, das hat sich damit erledigt.

So sieht das dann aus:



Der Zeitaufwand für die Rohskizze beträgt -je nach Aufwand- zwischen 30 Minuten und anderthalb Stunden.

Diese Zeichnung pause ich auf einem selbstgebauten Lichtpult durch. Ich verzichte dann auch auf Lineal und Zirkel, weil ich organische Linien schöner finde und das Ganze nicht so streng aussieht. Profis nennen diesen Arbeitsschritt "inken" oder "linen". Die fertig geinkten "Outlines" ergeben dann die Reinzeichnung.

Ich verwende dazu Fineliner in verschiedenen Stärken. Linien weiter vorne sind dicker, Linien weiter hinten dünner. Diese Zeichnung entsteht auf normalem Drucker- oder Kopierpapier. Meistens brauche ich einen oder zwei Versuche, bis das Ganze fertig ist, das Inken dauert eine gute halbe bis dreiviertel Stunde.

So sieht die Reinzeichnung aus:



Jetzt kommt das, was ich nicht so gerne mache- das Anmalen.

Dazu mache ich von der Reinzeichnung eine Fotokopie auf Markerpapier. Markerpapier verhindert, daß die Farben an den Rändern "ausbluten". Außerdem suppt die Farbe nicht durch. Der Farbauftrag ist auch sparsamer, weil das Papier nicht so stark saugt.

Das Fotokopieren hat mehrere Gründe:

- Markerpapier ist sehr teuer. Ein Blatt kostet um die 70 - 80 Cent. Wenn die Reinzeichnung schiefgeht, dann ist ein "Fehlschuß" also ziemlich ärgerlich.

- Die originale Reinzeichnung bleibt erhalten und kann bei Bedarf nochmal und nochmal und nochmal verwendet werden. Wenn ich beim Anmalen Fehler mache, müßte ich sonst alles neu abzeichnen.

- Wenn ich die originale Reinzeichnung anmale, kann es passieren, daß der Alkohol die schwarzen Linien anlöst und verschmiert. Bei Toner aus dem Drucker passiert das nicht.

Copics HEISSEN übrigens nicht nur "Alkoholmarker"- in meinem Zimmer stinkt es nach dem Zeichnen auch wie nach einem mittelschweren Saufgelage... 8|

Der Zeitaufwand liegt bei einer bis anderthalb Stunden.

So sieht die fertig kolorierte Zeichnung aus:



Was fehlt noch? Richtig: Text und Logo. Das mache ich am PC. Zum einen, weil meine Handschrift auch dann sehr liederlich ist, wenn ich mir sehr viel Mühe gebe- zum anderen, weil ich dann mit der Textposition spielen kann. Ich bessere auch kleinere Schäden an der Zeichnung aus (vergessene Flächen, über den Rand gemalt...)

Das dauert so eine gute halbe Stunde.

Und am Ende steht dann der fertige Cartoon:




Nun noch zu den versprochenen FAQs, in der Reihenfolge, wie häufig mir die Fragen gestellt werden:

1. Wie kommst Du auf Deine Ideen?

Meistens durch Beobachtung. Ich verwende gern aktuelle Ereignisse und eigene Erlebnisse. Viele Szenen werden auch erst dann absurd, wenn ich statt eines Menschen einen Vogel verwende. Wenn mir gar nichts einfällt, zeichne ich einfach drauflos und lasse mich überraschen, was am Ende dabei herauskommt.

2. Wie lange brauchst Du für einen Cartoon?

Das kommt sehr darauf an, wie aufwendig die Zeichnung ist. Zwischen zwei und sechs Stunden pro fertigem Cartoon.

3. Du zeichnest doch sicher am PC, oder?

Nein. Ich habe kein Grafikprogramm außer MS-Paint- und das reicht nicht. Ansonsten: Siehe oben.

4. Welche Materialien setzt Du ein?

Auch: Siehe oben.

Bleistifte der Härten B und HB
Fineliner "COPIC Multiliner" 0,05 - 1,0 mm Strichstärke
"COPIC" Marker und "COPIC Ciao"
Zeichenkarton 190 g/m²
Druckerpapier
Markerpapier
Radiergummi
Radierstift
Gelstift weiß

5. Kann man "Gordon" auch als Album kaufen?

Nein.

6. Warum nicht?

Weil sich kein Verleger der Welt dazu hergeben würde, -zig tausend Euro einzusetzen, um einen unbekannten Zeichner aufzubauen.

Gegenfrage: Warum auch?
Alle Gordons, die ich jemals veröffentlicht habe, kann man sich kostenlos und werbefrei auf www.fraro.net angucken.

7. Verdienst Du mit Deinen Zeichnungen Geld / kannst Du davon leben?

Nein und Nein. Meine Website ist komplett werbefrei und ich habe noch nie einen Gordon-Cartoon verkauft. Im Gegenteil, Gordon ist ein recht kostspieliges Hobby...
Ein Frosch ohne Humor ist nur ein kleiner, grüner Haufen.
(Kermit, 1976)

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Kim

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Freitag, 13. Mai 2016, 09:45

Voll gut! :thumbup:
Ich würde es gern in die Rubrik Tutorials verschieben!

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Lesemaus

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Freitag, 13. Mai 2016, 16:55

Immer echt interessant die Arbeitsweise eines Künstlers zu sehen, danke für das FAQ :thumbup:

freche Bilder

Stiftehalter

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4

Montag, 13. Juni 2016, 23:24

Hallo Fraro,

ein schönes Tut. Aber eine Sache erschließt sich mir nicht. Was ist eine selbst gebastelte Perspektiv-Schablone.
Also wie muss ich mir das Teil vorstellen und wie funktioniert sie. (kann man das ohne großen Aufwand nachbauen?)


Danke vorab!


Thomas

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