HIGHWAY, IRGENDWO IN DEN USA.
DRAUSSEN/TAGSÜBER
BETTINA (innerer Monolog)
Tja. Nun sitz ich hier. Neben mir ein
fetter, aufgedunsener Ami-Typ, voller Fastfood, Trucker-Mütze aufm Kopp, die
Wampe wippend zu Trucker-Musik. Aber was läster ich hier, „Ami-Typ“, hab ich
das wirklich gedacht? Bin ich nicht vollständig amerikanisiert, und was ist
daran schlimm? Man kannte das so, wenn man links war, wenn man Punk war, war
man auch gegen die USA, gegen ihre Kriege, aber man lästerte auch gegen die
Kultur, über alle Leute da. Habe da natürlich immer mit eingestimmt, über die
fetten, oberflächlichen, kulturlosen Amerikaner. Aber naja…gleichzeitig war es
auch die Zeit in der man sich dem erweiterten musikalischen Horizont öffnet,
und siehe da…Punk kommt eigentlich von drüben, nicht aus England! Dann Blues,
Soul, was für wunderbare Musik! War ich verlogen, schizophren? US-Serien,
US-Filme, New Hollywood ist genau meins. Aber klar, jenseits des Großen Teichs
blüht die Unkultur. Was ist mit Country & Western-Musik, Hoch- oder
Unkultur? Rebellen wie Tex Connelly oder Billy O’Shagg, selbst Woody Norman,
Idol meiner Eltern, hat ein, zwei Country-Alben aufgenommen. Aber warum ist diese
Musik in den Südstaaten so erfolgreich, 10-Gallonenhüte und
Konföderiertenflaggen? Knarrenschwingende Republikaner, die sind doch das
Zielpublikum, oder? Einflüsse aus der Schwarzen Musik, die haben die Jungs von
der Landstraße doch immer verleugnet, oder? Weiß wie die Kutten vom Ku Klux
Klan, so sehen die diesen Sound doch? Und wer ist eigentlich dieser Tex, weiß
ich das inzwischen? Rebell, Reaktionär, Patriot, Indianerfreund, oder eher
Freund von dem Ayatollah Gordon Douglas? Projektionsfläche für Hippies, Punks
und Rednecks? Frömmler oder Freigeist, erst von meinem Freund Sid für die
Jugend auf cool poliert? Schlicht wie sein Freund Danny Rossy, aber warum waren
dann seine Texte häufig so tiefsinnig? Und warum mögen Trucker ihn? Soll ich
mal nachfragen? Nein, will die Romantik nicht zerstören. Da fällt mir ein…wie
findet man denn die Musik von Danny hier, gilt Schlager hier als sowas wie der
Country der Deutschen? Ziehe ein ausgeleiertes Tape aus meiner Lederjacke,
reiche es dem Typen, er tut’s ins Kassettendeck, keine Emotion. Lächeln,
Gefallen oder Belustigung? Liebe es aus dem Fenster zu gucken, irgendwie ist
Amerika doch wunderbar. Was für wunderschöne Felsformationen jetzt. Sind alle
Menschen hier auch so wundervoll? Wir haben damals über die dummen Amis
gelästert – und jetzt bin ich selber mit einem zusammen. Einem der führenden
Produzenten in den Staaten. Manche nennen ihn eine Legende. Gucke nach rechts,
irgendwie wie in einem Song von Tex fühlt sich das jetzt an. Mitternacht in
einem liquor store in Texas. Wir halten nicht an einem Schnapsladen, sondern
bei so ner Fastfood-Bude, die aber bunt und stylish wie ein Pop-Art-Kunstwerk
wirkt. Kenn die Kette gar nicht. Während ich meinen Burger beiße, denke ich an
meine Mädelsgang in Bremen. Yana, die immer schlecht gelaunte Kunststudentin.
Palina, die Schauspielerin, die gerne viel redet, Filmgeschmack hat sie aber.
Grit, kurze, blonde Haare, stylish und girl next door, aber gleichzeitig total
links. Samineh, die jugendliche, frühreife Iranerin, wird ständig für älter gehalten,
weil sie halt so ein kluges Köpfchen ist/hat. Und unsere Königin, Merle,
Fotofachverkäuferin, Rock- und Punk-Liebhaberin, meine Beste seid Schulzeiten. Könnt
mal wieder SMS schreiben, aber lieber Fantasie spielen lassen, was die so
treiben. Lästern die vielleicht über mich? Halten mich für eingebildet, weil
ich mit Promis rumhänge. Weil ich’s nie schaffe eine Beziehung länger
durchzustehen. Lauf ja auch als Erwachsene noch mit Schleifchen im Haar rum,
wirkt sicher auf viele albern. Für die Girls drüben bin ich wahrscheinlich
schon komplett durchamerikanisiert und hier…“Blitzkrieg“. Wir halten an.